
„Ohne meine Essstörung bin ich nichts“: Wie ich meine Essstörung überwunden habe
Lieber hören? Hier geht’s zur FolgeWichtig vorab
Hier geht’s offen um Magersucht, Binge Eating, Bulimie, Klinikaufenthalte und schmerzhafte Erinnerungen. Das ist meine persönliche Geschichte, keine Anleitung und kein Versprechen, dass dein Weg genauso aussieht. Essstörungen sind ernste Erkrankungen. Wenn du selbst betroffen bist, hol dir bitte ärztliche und therapeutische Unterstützung. Gerne begleite ich dich zusätzlich.
Ohne meine Essstörung bin ich nichts.
Wie es sich anfühlt, eine Essstörung zu überwinden? Für mich zum Beispiel so: Vor einiger Zeit saß ich zum allerersten Mal in meinem Leben in einem Flugzeug, auf dem Weg nach Ibiza. Wir waren jeden Tag zweimal essen, ich glaube, ich habe noch nie so viel und so gutes Eis gegessen, ich war jeden Tag unterwegs und habe so viele Menschen kennengelernt, dass ich danach sogar nach Mexiko eingeladen wurde.
Früher wäre ich niemals in diesen Urlaub geflogen. Nicht, wenn ich mein Essen nicht selbst zubereiten kann. Nicht, wenn ich nicht kontrollieren kann, was wann auf meinem Teller landet.
Kurz nach dem Urlaub hatte ich ein Gespräch mit einer Kundin, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Sie sagte: „Lina, ich habe so Angst, die Essstörung loszulassen. Was ist, wenn ich dann gar nicht so glücklich bin? Du bist so ein aufgeschlossener, positiver Mensch, aber ich bin ja gar nicht so.“
Innerlich musste ich ein bisschen schmunzeln, denn ich war auch nicht immer so. Wie ich vom Gedanken „Ohne Essstörung bin ich nichts“ dahin gekommen bin, wo ich heute stehe, erzähle ich dir in diesem Artikel.
Ich bin Lina, staatlich geprüfte Ernährungsberaterin und Health Coach für Frauengesundheit. Heute begleite ich Frauen aus Essstörung und Zyklusverlust, und ich kenne diesen Weg aus meiner eigenen Geschichte.
Mein Weg auf einen Blick
Jahrelang
Mischformen statt einer Diagnose
Magersucht, Binge Eating, dann Bulimie, oft alles gleichzeitig und von außen kaum sichtbar
Zwei Kliniken
Neun Therapeut:innen
Lange festgeklammert, weil die Essstörung alles für mich war
Zweite Klinik
Das erste Tagebuch
Zum ersten Mal wirklich hingeschaut, anfangs total stur
Stabiler
Die Vergangenheit wird laut
Nächte mit kaum Schlaf, Erinnerungen aus der Kindheit, die Familie trägt mit
Heute
Erster Flug, bestes Eis
Frei, neugierig, mit eigener Meinung und echtem Lächeln
Das erwartet dich
- Essstörung überwinden: Warum es fast nie ums Essen geht
- Warum Loslassen sich wie ein Verlust anfühlt
- Alte Gefühle, die du in die Gegenwart schleppst
- Je stabiler ich wurde, desto lauter wurde meine Vergangenheit
- Das Lächeln von früher und das Lächeln von heute
- Was mir auf dem Weg wirklich geholfen hat
- Wer du ohne Essstörung bist? Das darfst du herausfinden
- Mein Weg heute
Essstörung überwinden: Warum es fast nie ums Essen geht
Ich hatte nicht „die eine“ Essstörung. Ich hatte eine Anorexie, eine Binge-Eating-Störung, bin dann in die Bulimie gerutscht, und die Magersucht hat mich trotzdem noch ewig begleitet. Meistens waren es Mischformen, und gesehen hat man davon von außen wenig.
Genau deshalb sage ich heute: Eine Essstörung ist ganz selten ein Problem mit dem Essen. Ob du hungerst, Essanfälle hast oder mit Sport, Erbrechen oder Abführmitteln kompensierst, dahinter verbirgt sich so viel mehr. Oft klammert man sich aus Angst vor Kontrollverlust an die Essproblematik. Eben weil kontrollierbar ist, was du isst und wie du dich bewegst, nicht?
Das sehe ich auch in der Food Freedom Academy. Da sitzen Frauen, die eher in die magersüchtige Richtung gehen, neben Frauen mit Essanfällen. Am Anfang waren einige skeptisch, ob das zusammenpasst, und nach dem ersten Gruppencall war klar: Wir haben die gleichen Themen. Nur wie sie ihren Schmerz nach außen tragen, sieht anders aus. Die einen essen wenig, um weniger zu fühlen und sich diszipliniert zu fühlen, die anderen greifen zum Essen, um kurz einmal nicht denken zu müssen, als wäre es eine Umarmung von innen.
Was würde es dir bedeuten, wenn das Thema Essen morgen einfach kein Oberthema mehr wäre?
Warum Loslassen sich wie ein Verlust anfühlt
Wenn du deine Essstörung loslässt, lässt du einen Teil von dir los. Einen Teil, der eigentlich nicht du bist, der aber über die Jahre zu dir geworden ist. Und ganz ehrlich: Das tut weh, denn da stirbt etwas.
Diese Scheinidentität hatte einen Job. Sie hat mich geschützt, weil ich damals noch nicht die Kraft hatte, mich meinen Ängsten und meinen wahren Bedürfnissen zu stellen. Sie hat mir sogar erspart, überhaupt herauszufinden, was meine wahren Bedürfnisse sind.
Stell dir vor, du trägst jahrelang denselben viel zu engen Mantel. Er drückt, er kratzt, aber er ist vertraut, und ohne ihn fühlst du dich nackt. Die Angst vor dem Loslassen ist deshalb kein Zeichen, dass du es nicht schaffst. Sie zeigt nur, dass da etwas Neues kommt, das du noch nicht kennst.
Alte Gefühle, die du in die Gegenwart schleppst
Bei meinen Frauen, und früher bei mir, landen wir immer wieder beim gleichen Punkt: Es sind nicht nur unerfüllte Bedürfnisse, sondern auch alte Gefühle, die wir mit uns herumtragen. Ein Gefühl im Hier und Jetzt triggert einen Essanfall oder den Drang, nichts zu essen, weil sich diese Leere und dieser Schmerz auf eine komische Art vertraut und fast schön anfühlen.
Das Tückische daran: Du kannst irgendwann gar nicht mehr unterscheiden, ob ein Gefühl gerade wirklich berechtigt ist oder ob es sich vor vielen Jahren so tief eingegraben hat, dass du es heute immer noch spürst.
Die meisten Menschen leben entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, und nur ganz wenige sind wirklich im Hier und Jetzt. Mir ging es genauso. Dass ich auf Ibiza einfach dasitzen, mein Eis essen und den Moment genießen konnte, ohne im Kopf schon den nächsten Tag durchzuplanen, war für mich deshalb ein kleines Wunder.
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Je stabiler ich wurde, desto lauter wurde meine Vergangenheit
Ich habe ewig Therapie gemacht. Ich war in zwei Kliniken und bei neun Therapeut:innen. Richtig geholfen hat mir der zweite Klinikaufenthalt, weil ich dort mehr oder weniger gezwungen war, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich habe angefangen, Tagebuch zu schreiben, anfangs total stur, denn meine Essstörung war alles für mich.
Und dann kam etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Je stabiler mein Gewicht wurde, desto schlechter ging es mir erst einmal. Umso mehr Altes ist hochgekommen. Warum sich gerade Zunehmen in der Recovery oft wie ein Rückschritt anfühlt, habe ich dir in einem eigenen Artikel erklärt.
Meinen Tiefpunkt hatte ich, als es mir eigentlich richtig gut gehen sollte. Es war, als hätte mein Unterbewusstsein realisiert: „Jetzt ist sie stabil genug, jetzt kann sie verkraften zu sehen, warum die Essstörung hier war und was wirklich ihre Themen sind.“ Plötzlich kamen Erinnerungen aus meiner Kindheit hoch, an die ich mich jahrelang nicht erinnern konnte, und dann immer mehr und immer mehr.
Ich konnte über lange Zeit kaum schlafen und war froh über zwei Stunden in einer Nacht. Allein schlafen ging nur mit Kinderlicht und Musik, und ich war unendlich dankbar, dass meine Familie mich in dieser Zeit getragen hat. So habe ich es erlebt: Dein Unterbewusstsein gibt dir meistens nur so viel, wie du gerade verkraften kannst.
Das Lächeln von früher und das Lächeln von heute
Neulich beim Passbilder-Machen war mein bester Freund dabei, und der Fotograf meinte, ich darf nicht lächeln. Mein Problem: Ich bin heute eine unfassbar glückliche Frau, die kaum noch ernst schauen kann. Mein bester Freund hat die Situation nicht leichter gemacht.
Früher habe ich auch viel gelächelt, nur war das ein ganz anderes Lächeln. Ich habe Probleme weggelächelt. Ich war unsicher, still und zurückhaltend, und alles, was ich gesagt habe, war in meinem Kopf sowieso falsch, also habe ich fünfmal überlegt, ob ich überhaupt etwas sage.
Ich habe sogar lange behauptet, ich mag keine Menschen. Freunde gingen mir angeblich alle nur auf den Zeiger. In Wahrheit war ich unzufrieden mit mir selbst und hatte ständig Angst, etwas falsch zu machen.
Du wirst es niemals jedem recht machen können, also fang an, es dir selbst recht zu machen.
Heute ist mein Motto: Ich bin, wie ich bin. Wer mich so nicht mag, muss kein Teil meines Lebens sein. Und weil ich dieses alte Lächeln von mir selbst so gut kenne, erkenne ich es heute sehr schnell bei Frauen, die zu mir in den Zyklus-Klarheits-Call kommen.
Du erkennst dich in meiner Geschichte wieder und willst da nicht länger allein durch? Im kostenfreien Zyklus-Klarheits-Call schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst.
Zum kostenfreien Zyklus-Klarheits-CallWas mir auf dem Weg wirklich geholfen hat
Es gab nicht den einen Moment, in dem alles anders war. Rückblickend waren es vor allem diese vier Dinge, die meinen Blick auf mich und aufs Essen verändert haben:
Vier Dinge, die mir geholfen haben
Meinen Wert vom Gewicht trennen. Mein Wert als Mensch hat nichts mit meinem Gewicht oder meiner Disziplin beim Essen zu tun, und das durfte ich mir erst einmal erlauben zu glauben.
Kopf und Körper ernst nehmen. Äußerlich gesund wirken reicht nicht. Erst als ich mich mit meiner psychischen Gesundheit auseinandergesetzt habe, konnte ich alte Glaubenssätze wirklich bearbeiten.
Essen wertneutral sehen. Früher war Essen entweder Belohnung oder Bestrafung. Heute ist es Energie und Genuss, ohne „gut“ oder „schlecht“.
Selbstfürsorge, die nicht nach Optimierung riecht. Schlaf, Bewegung, die Spaß macht, echte Pausen und genug Energie und Nährstoffe für meinen Körper.
Das Schwierigste daran war für mich das Selbstmitgefühl. Wenn ich gegen meine eigenen Regeln verstoßen habe, war mein innerer Personal Trainer sofort zur Stelle, mit erhobenem Zeigefinger und Strafrunde.
Dein erster Schritt
Wenn du dich heute wieder für etwas verurteilst, frag dich: Was würde ich einer Freundin in genau dieser Situation sagen? Und dann sag es dir selbst.
Wer du ohne Essstörung bist? Das darfst du herausfinden
Viele Frauen halten an der Essstörung fest, weil sie das Gefühl haben, nur dann gesehen zu werden, wenn es ihnen schlecht geht. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen: Du wirst vor allem gesehen, wenn du glücklich und gesund bist.
Und nein, das heißt nicht, dass es dir nie mehr schlecht gehen darf. Auch ich habe Tage, an denen ich denke: „Boah nee, heute nicht.“ Aber das ist dann ein Tag, ein halber Tag oder ein paar Stunden, und danach weiß ich wieder, dass eigentlich alles gut ist.
Wenn du loslässt, was eigentlich gar nicht zu dir gehört, also die Selbstzweifel, den Selbsthass, die Diäten und die Essanfälle, mit denen du vielleicht fehlende Liebe ausgleichen willst, dann bleibt am Ende nur du. Ohne Diagnose, ohne Etikett, ohne Leistung dahinter.
Was würdest du ausprobieren, wenn du keine Angst hättest, dabei etwas falsch zu machen?
Ich sage meinen Frauen immer ganz klar: Du kannst dich dafür entscheiden, genau hier stehen zu bleiben. Oder du nimmst meine Hand, und wir gehen gemeinsam da durch, auch durch die Teile, die wehtun. Es ist eine Frage der Zeit, der Kraft und des Wollens, und den ersten Schritt musst du nicht allein gehen.
Mein Weg heute
Lange dachte ich, ich müsste erst Mama werden und gesunde Kinder großziehen, um zu zeigen, dass ein Leben nach der Essstörung möglich ist. Heute weiß ich, dass ich genau das auch in meiner Arbeit zeigen darf, jeden Tag, bei jeder Frau, die zu mir kommt.
Ich lebe in einem gesunden Körper, der mir so viel schenkt, ich darf gutes Essen genießen, ich habe eine wunderbare Familie und noch so viel vor. Warum sollte ich mich da von Kleinigkeiten aus der Fassung bringen lassen?
Wenn du dich in meiner Geschichte wiedererkennst und dir Hilfe bei deiner Essstörung wünschst, dann melde dich bei mir. Dein Körper ist nicht dein Gegner, und wer du ohne Essstörung bist, darfst du Schritt für Schritt kennenlernen.
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